Egoismus oder Altruismus in der Liebe?

Als der englische Philosoph Hobbes in seinem berühmten „Leviathan“ als Hauptprinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Tiere und Menschen den „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes) aufstellte, hatte er gewiss auch das scheinbar altruistischste Gefühl, die geschlechtliche Liebe, mit in diesen Begriff eingeschlossen. Wohl ist die Geschlechtsbegierde in ihren höheren, idealistischen Formen der höchsten Taten der Selbstlosigkeit und Selbstentäusserung fähig und vermag insofern auch der Allgemeinheit zu gute kommende Werte zu schaffen, ist also in dieser Hinsicht eminent sozialer Natur. Betrachtet man aber die Liebe, wo sie nicht blosser Platonismus ist, sondern eben eine geschlechtliche „Begierde“ darstellt, also in ihrer subjektiven Bedeutung, rein vom Standpunkt der Liebenden aus, so scheinen viele altruistische Handlungen derselben nicht um ihrer selbst willen geschehen zu sein, sondern dienen in letzter Linie doch nur wieder der Beglückung, Erweiterung, Vertiefung des Ich. Da erweist sich dieser dunkle, metaphysische Drang, in dem der Mensch gleichsam das Rätsel, die Wurzel des Daseins zu packen vermeint, als der wirkliche „Brennpunkt“ des „Willens“, als exklusivster Egoismus.

Mit Recht hat man von der Liebe als von einem „Kampfe“ zweier verschiedengeschlechtlicher Individuen gesprochen, in physischem und in moralischem Sinne. Jeder sucht das geliebte Wesen zu besiegen, an sich zu reissen, mit sich zu verschmelzen, eins mit ihm zu werden, in dieser Vereinigung aber sich

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