Aufklärungszeit, der französischen Enzyklopädistenschule - die Holbach und Lamettrie - denen er folgt, denen er zum Teil unmittelbar seine Argumente entlehnt, und aus deren schalen Aufgüssen er sich eine Art von Gifttrunk zusammenbraut, dessen seltsame Ingredienzien teilweise auch heute einer gewissen Anerkennung bei den Vertretern krankhafter Zeitrichtungen vielleicht nicht entbehren würden. Freilich dem herkömmlicherweise unter Moral Verstandenen ist das alles diametral entgegengesetzt, und auch die vorgeschrittensten Verfechter einer rein mechanistischen Weltbetrachtung werden für ihre Person vor den gezogenen Konsequenzen zurückschaudern, können sich aber einer gewissen Mitverantwortlichkeit dennoch schwerlich entziehen. Alle seit Jahrtausenden, seit Epicur und Lucrez, unternommenen und zeitgemäss erneuerten Versuche, auf eine derartige Weltanschauung eine Ethik zu begründen, sind gescheitert und mussten notwendig scheitern, um nur eine klägliche Verödung des Herzens und Verzweiflung zu hinterlassen. „Der Materialismus“, sagt mit Recht Eduard von Hartmann1), „kann keine Ethik begründen, und in den späteren Nachkommen der heutigen Materialisten werden sich die idealistischen Instinkte immer noch abschwächen müssen.“ Wenn dem Zuge der Zeit folgend, trotzdem immer wieder Anläufe gemacht werden, freilich unter ausgesprochener Abweisung des ethischen Materialismus in seinen brutalsten Formen und Äusserungsweisen, eine Ethik auf naturwissenschaftlicher Grundlage zu konstruieren, so soll derartigen Bestrebungen natürlich nicht im voraus jede Berechtigung aberkannt, es müssen aber doch ihre bisherigen Ergebnisse als mindestens zweifelhaft angesehen werden. Das Unternehmen, die Ethik als „positive Wissenschaft“ vollkommen unabhängig von allen nicht bloss religiösen, sondern auch metaphysischen Voraussetzungen zu konstituieren (entsprechend dem unkritischen, dogmatischen Positivismus Auguste Comtes) ist bisher nicht gelungen; und auch neuere, in ähnlicher Richtung sich bewegende Versuche, auf die ich wohl nicht ausdrücklich hinzuweisen brauche, müssen als bisher recht wenig erfolgreich gelten. So führt uns einstweilen wenigstens das Streben nach einer evolutionistischen Herleitung und Erklärung der Moralbegriffe auch auf diesem Gebiete nicht weiter, und wir verfallen dabei nur allzu leicht der (meiner Meinung nach recht unfruchtbaren, wenn auch von mancher Seite mit grossem Eifer vertretenen) evolutionistisch-atavistischen Theorie des Sadismus und verwandter sexualer Perversionen, womit wir uns im folgenden noch näher auseinanderzusetzen haben.


1) Geschichte der Metaphysik. Leipzig 1899 und 1900.

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