Die anthropologischen Wurzeln der Algolagnie. Die atavistische Theorie in ihrer Anwendung auf die algolagnistischen Phänomene. - Schema der algolagnistisch veränderten Hergänge des zentralen Nervenmechanismus.

Eine der gesamten Zeitrichtung aus mancherlei Gründen ausserordentlich zusagende, überdies durch ihre imponierende Einfachheit und leichte Erfasslichkeit sich selbst der begrenztesten Laienintelligenz einschmeichelnde „Erklärung“ für das rätselhafte Seelenphänomen der Algolagnie, insbesondere des Sadismus hat man - wie für so viele andere unerfreuliche antisoziale Erscheinungen, ja für das gesamte weite Gebiet des Verbrechertums überhaupt, im „Atavismus“ zu finden geglaubt; mit welchem den Rückschlag in die Urahnenreihe bezeichnenden Ausdruck wir das Verständnis und zugleich die Verantwortlichkeit für die uns befremdenden Affekte und Antriebe gewissermassen weit von uns ab, auf entfernteste menschliche, oder noch weiter, auf unbekannte vormenschliche Vorfahren in der Stammesentwickelung zurückschieben. Diese Vorstellung läuft im Grunde darauf hinaus, dass dieser und jener von uns noch algolagnistische (sadistische) Instinkte haben soll, weil jene menschlichen oder vormenschlichen Verfahren in jenseits aller Erkenntnis liegenden Urzeiten derartige Instinkte einstmals gehabt und vielleicht als nützlich oder gar notwendig im Daseinskampfe erprobt haben. Die Einfachheit und mühelose Anbequembarkeit dieser Erklärung ist freilich nur scheinbar; ihre Schwächen und fast unüberwindbaren Schwierigkeiten fallen bei einigem Nachdenken nur zu deutlich ins Auge. Wo sollen zunächst unsere menschlichen Vorfahren diese für uns jetzt so unangenehme und sozial unberechtigte Eigentümlichkeit zu ihrer Zeit herbezogen, oder in welcher Weise, unter welchen Umständen sie auf dem so beliebten Wege der „Anpassung“ in Generationen allmählich herangezüchtet und fortgepflanzt haben? Von unseren phylogenetischen Vorfahren oder Stammesverwandten können sie wohl etwas Derartiges kaum übernommen haben; denn wenn man auch eine aufsteigende Differenzierung und Verfeinerung der geschlechtlichen Impulse innerhalb der Tierreihe und selbst die beginnende Entwickelung sexualer Perversionen bei höher organisierten Tieren (widernatürliche Unzucht

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