Allenthalben hat der Mann durch die jahrtausendlange Abhängigkeit, in der er das Weib gehalten hat - indem er sie nicht als intellektuell und moralisch gleichwertiges Wesen anerkannt, indem er auch ihre geistige Entwickelung nach Kräften eingeengt und gehemmt hat - allenthalben hat er dadurch die bekannten Sklavenuntugenden künstlich gezüchtet, die man seit Jahrtausenden dem Weibe vorzuwerfen pflegt: Feigheit, Unaufrichtigkeit, Falschheit, List und Verschlagenheit, Perfidie, Bosheit und Grausamkeit. Kein Wunder, dass wo das Weib einmal durch die Verhältnisse zur Herrschaft gelangt oder sich dem in Begierden schwachgewordenen Manne gegenüber seiner Macht bewusst wird, dass es da herrscht, wie eben der Herr gewordene Sklav zu herrschen pflegt, ungezügelt, schamlos, despotisch und grausam; dass es vor keiner Überspannung des Herrschergelüstes, keinem Missbrauch der Herrschergewalt zurückschreckt. Dass der Mann seinerseits im einzelnen Falle zur endlichen Vergeltung solcher lange ertragenen und erduldeten Kränkungen fortschreitet und die Schande der „Gynäkokratie“ gewaltsam abwirft, ist nur allzu begreiflich. Ganz abgeschmackt erscheint aber die Wendung, die man der atavistischen Theorie des Sadismus gegeben hat (und von der sogar Zola in „Bête humaine“ Gebrauch macht), dass es sich dabei um einen atavistischen Trieb zur Rächung uralter Kränkungen handle, die das Weib dereinst dem männlichen Geschlecht zugefügt habe, in der Zeit des uralten Eherechts, des „Matriarchats“, jener bekanntlich noch recht umstrittenen und in ihren ursächlichen Verhältnissen wie in ihrer Bedeutung keineswegs klarliegenden Einrichtung. Mit dem gleichen Rechte könnte man auch die Schatten der alten Amazonen heraufbeschwören; oder umgekehrt in dem vereinzelten Hervortreten des weiblichen Sadismus einen atavistischen Trieb zur Rächung einstiger handgreiflicher Eheschliessungsformen, des Sabinerinnenraubes usw. erblicken. Derartige Argumentationen können eine ernsthafte Betrachtung bei Tageslicht kaum noch vertragen.

Schliesslich muss nochmals ausdrücklich betont werden, dass die atavistisch-evolutionistische Theorie eine wirkliche Erklärung der algolagnistischen Antriebe und Handlungen keineswegs liefert. Sie weist uns vielmehr nur zurück auf die durch wiederholte und gehäufte Handlungen erworbenen Eigenschaften und Gewohnheiten unserer Vorfahren, die sich in der Form von Instinkten - sei es als Einzel- oder als Rasseninstinkte - auf die Nachkommen übertrugen; aber wie und unter welchen Umständen die Vorfahren selbst zu Trägern solcher Affekte und Antriebe wurden, darüber vermag die Theorie keinen Aufschluss zu geben. Die gestellte Frage wird also nur in möglichst weit der kritischen Kontrolle entrückte Zeitfernen zurückgeschoben - ungefähr in derselben Weise, wie man sich der unbe-

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