Sacher-Masoch; der Mensch und der Schriftsteller.

Wie die Lebensgeschichte de Sades, so bietet auch die des Namensgebers des „Masochismus“ ein grosses psychologisches Interesse; sie liefert uns den Schlüssel zum Verständnis seines literarischen Schaffens und der davon ausgehenden unbestreitbaren, anscheinend immer noch im Zunehmen begriffenen Wirkung. Nach den Ermittelungen eines für den Helden seiner Darstellung enthusiastisch begeisterten Biographen (Schlichtegroll)1) soll Sacher-Masoch von einem spanischen Ahnherrn, Don Mathias Sacher, herstammen, der in der Schlacht bei Mühlberg 1547 als Rittmeister bei der spanischen Kavallerie Karls des Fünften mitkämpfte, in dieser Schlacht verwundet wurde, und in der Folge die Tochter eines böhmischen Adligen heiratete, um sich mit ihr in Prag dauernd niederzulassen. Als mehr als zwei Jahrhunderte später bei der Zertrümmerung des polnischen Staates die „Königreiche“ Galizien und Lodemerien an Österreich fielen, wurde der Grossvater unseres Helden - Johann Nepomuk von Sacher - in österreichischer Beamtenstellung zunächst mit der Aufsicht über die Staatssalinen des salzreichen Landes betraut; der offenbar geschickte und pflichttreue Mann avancierte später zum Gubernialrat und zum erblichen Standesherrn des Königreichs, und starb 1836. Zu dieser Zeit fungierte sein Sohn Leopold bereits als Polizeidirektor in der Provinzialhauptstadt Lemberg. Er hatte 1827 die Tochter eines kleinrussischen Adligen, des Professors und Universitätsrektors Franz von Masoch, eines um das Medizinalwesen der Provinz verdienten Mannes, geheiratet, und durfte mit kaiserlicher Erlaubnis 1838 seinem Namen den Familiennamen und das Wappen der Masochs hinzufügen. Der einzige Sprössling dieser Ehe, unser Leopold von Sacher-Masoch, wurde am 27. Januar 1836 im Lemberger Polizeipräsidium geboren: ein zart angelegtes, schwächliches Kind, das nur durch die kraftstrotzende ruthenische Amme Hanscha am Leben erhalten und über die Gefahren der ersten Kindheit weggebracht werden konnte. Aus ihrem Munde vernahm der Knabe die schwermütigen Volksweisen der Ruthenen, denen er begierig lauschte, und ihr behauptete er selbst nicht bloss die Erhaltung seiner physischen Existenz, sondern im eigentlichen Sinne auch „seine


1)Sacher-Masoch und der Masochismus. Literaturhistorische und kulturhistorische Studien von Carl Felix von Schlichtegroll. Dresden, H. R. Dohrn, 1901.

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