roman „Im Schlaraffenland“ von Heinrich Mann wird eine vor dem „vornehmsten Premierenpublikum“ sich abspielende Erstaufführung eines Proletarierstückes „Die Rache“ Akt für Akt beschrieben, womit offenbar Aufnahme und Erfolg der Hauptmannschen „Weber“ vor einem gleich beschaffenen Publikum in drastischer Weise übertrumpft werden sollen. Da wird u. a. die als „Messalina“ geschilderte Gattin eines Fabrikdirektors von dem wütenden Volk auf die Bühne geschleppt und öffentlich ausgepeitscht, unter rasendem Beifallsjubel der diese Szene da capo fordernden „Millionäre“. Nach allerlei anderen Greueln wird in der Kirche, wo sich die Proletarier gegen das heranrückende Militär verteidigen, der „kriegsgefangenen Messalina“ mit Gewalt ein Chorhemd übergezogen, sie wird von der Kanzel herabgestossen, unten aufgefangen, in ein grosses Weihwasserbecken getaucht und schliesslich ganz durchnässt auf die Barrikade gestellt, „dorthin wo die meisten Schüsse fielen“. Diese Episode hat einen „starken Heiterkeitserfolg“; das Parterre „krümmte sich“ und die Logeninhaberinnen „schluchzten leise vor Vergnügen“. Später wird ein Eisenbahnzug zum Entgleisen gebracht; einige unverletzte Frauen werden von den im Hinterhalt liegenden Proletariern „unter viehischem Brunstgebrüll hinter das nahe Gebüsch“ geschleppt, und die Damen der Logen „erhoben sich von ihren Sitzen, um über die Sträucher wegzusehen“.

„Die Illusion war so stark, dass einige Empfindliche sich das Taschentuch vor die Nase hielten. Aber die meisten der fleischigen Brünetten auf den Rängen pressten, weit vorgebeugt, mit nervösen Händen die schwer arbeitende Brust. Sie schlossen die Augen in der Hingebung des Genusses, und ihre leidenschaftlichen Nüstern öffneten sich weit in den mit matter feuchter Blässe bedeckten Gesichtern. Sie sogen, halbbetäubt, den faden Blutgeruch ein, der warm durch das Haus zu schwimmen schien. Als endlich das Zeichen zum Applaus gegeben wurde, hatte die Wut ihrer aufgepeitschten Instinkte sie bereits so entkräftet, dass sie kaum noch die Hände zu erheben vermochten. An Hälsen und Nacken perlten grosse Tropfen, der säuerliche Duft ihrer Transpiration vermischte sich mit den schweren Wohlgerüchen, die den erhitzten Kleiderstoffen und den Blumen entströmten. Hier und da tönte ein schrilles, gläsernes Auflachen mit dem Klirren der Brillanten zusammen. Junge Mädchen, die hinter dem Rücken der Mütter lüstern hervorlugten, kreischten laut auf - zwei oder drei von ihnen fielen in Ohnmacht."

Die nur allzu realistische Lebenswahrheit der Schilderung - so ähnlich mögen sich die Matronen der römischen Verfallzeit bei den Aufregungen der geliebten Gladiatoren- und Tierkämpfe und die schönen Madriderinnen beim nationalen Genuss der Stiergefechte nicht selten geberdet haben - mag der Länge des Zitats zur Entschuldigung dienen. Auch ein späteres Werk desselben Verfassers „die Göttinnen, oder die drei Romane der Herzogin von Assy“ enthält

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