Bisam

Sadismus. Als S. - der Ausdruck stammt aus der französischen Literatur - faßt man mit Krafft-Ebing alle jenen perversen Geschlechtshandlungen zusammen, die eine Verbindung aktiver Grausamkeit und Gewalttätigkeit mit Wollust darstellen. In den Büchern des Marquis de Sade hat diese perverse Triebrichtung ihre grandioseste und hemmungsloseste literarische Gestaltung erfahren. Von Schrenk-Notzing und Eulenburg ist sie als aktive Algolagnie der passiven (s. Masochismus) gegenübergestellt worden. - Die Beziehungen des Geschlechtstriebes zur Grausamkeit sind oft erörtert worden. Wenn hier auch zweifellos enge Beziehungen nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Tier, wo ebenfalls vielfach beim Geschlechtsakt Verletzungen bis zur Tötung und Vernichtung des Partners vorkommen, bestehen, so sind diese doch zweifellos vielfach überschätzt worden, wenn man behauptet, daß sich die leichtesten Formen des S. bei jedem Menschen finden. Auch die Bedeutung des S. im allgemeinen Kulturleben hat man oft zu hoch bewertet. Nach Kronfeld läßt sich weder im normalen Geschlechtsgefühl des Mannes noch der Frau an sich eine primäre Komponente der Grausamkeit feststellen. Es liegt zwar im Wesen des normalen Geschlechtstriebes beim Mann, den Gegenstand seiner Neigung zu bezwingen und sich gefügig zu machen. Insofern kann man den sexuellen Angriffstrieb des Mannes als »grausam« bezeichnen. Doch unterscheidet er sich von der eigentlichen Grausamkeit dadurch, daß ihm die Lust an der Wehrlosigkeit und dem Unterliegen des Opfers normalerweise fehlt. Immerhin bestehen zweifellos enge Beziehungen zwischen Sexualtrieb und Grausamkeit. Von S. kann man jedoch erst sprechen, wenn die Grausamkeit das Sexuelle als Motiv des Handelns verdrängt oder in ihren Dienst stellt (Kronfeld). - Die psychologische Ausdrucksform des S. kann sehr verschieden sein. Betrachtet man sadistische Sexualakte und ihnen nahestehende Handlungen, bei denen auf sadistische Motive zu schließen ist, so kann man sadistisches Verhalten während des Geschlechtsaktes und Handlungen unterscheiden, bei denen anscheinend keinerlei Beziehungen zum Geschlechtsakt mehr bestehen. Letztere hat man vielfach als »symbolischen S.« bezeichnet. Der sexuelle Charakter ihrer Handlungen kommt dann den Tätern oft gar nicht zum Bewußtsein. Sie glauben aus Zorn, Haß und ähnlichen Affekten zu handeln. Weiter findet man bei den sadistischen Handlungen zwei ganz verschiedene Typen, die zwar ineinander übergehen können, aber meist scharf zu trennen sind, nämlich auf der einen Seite impulsive Affektentladungen sexueller Art, auf der anderen kalt abwägendes raffiniertes Vorgehen mit überlegter Bosheit, Quälerei, Demütigung oder Schadenfreude, die dem wehrlosen Opfer die absolute Herrschaft des Handelns aufs krasseste zeigt (Kronfeld). Interessanterweise findet man dies Verhalten nicht etwa bei an sich brutalen, rücksichtslosen Herrschernaturen, sondern offenbar als eine Art Kompensationsvorgang oft gerade bei schüchternen, schwächlichen und zurückgezogenen Menschen, die sich nicht in normaler Weise sexuell durchzusetzen vermögen (neurotischer S.). Bei ihnen wirkt sich der S. oft nur in der Phantasie oder im Anblick von Grausamkeitsakten aus, wobei sie oft sexuelle Empfindungen haben, die sich bis zur Erektion und zum Samenerguß steigern können (Vorstellungssadismus). Aber auch unter schweren Sittlichkeitsverbrechern und Lustmördern sieht man oft solche Individuen. Die Grausamkeit entsteht bei ihnen aus einem überreizten ohnmächtigen Selbstgefühl und hängt eng mit der Rachsucht, Eifersucht und dem Menschenhaß zusammen, die man bei ihnen ebenfalls häufig findet. Dadurch wird auch verständlich, daß bei diesen Menschen sadistische und masochistische Züge nebeneinander auftreten können. Viel primitiver sind die sadistischen Handlungen, die impulsive Affektentladungen sexueller Art darstellen. Sie entstehen meist auf der Basis abnorm gesteigerter sexueller Erregbarkeit und Triebstärke oder häufiger durch eine allgemein krankhaft gesteigerte Affekterregbarkeit bei reizbaren, besonders sexuell explosiven Psychopathen, Hysterischen und Epileptikern. - Die sadistische Veranlagung ist fast immer angeboren, allerdings meist nicht isoliert, sondern in Verbindung mit anderen abnormen psychischen Eigenschaften. Sie ist, wie die masochistische (s. d.), beim Mann viel häufiger wie bei der Frau. Doch ist der erwähnte neurotische S. als Neigung zu raffinierter erotischer Quälerei und hemmungsloser sadistischer Koketterie bei psychopathischen Frauen, übrigens auch nur auf der Basis einer tiefen Unsicherheit im Bewußtsein des erotischen Eigenwertes, viel häufiger, als man denkt (Kronfeld). Die sadistischen Handlungen, ob sie während des Geschlechtsaktes selbst oder als vollwertiger Ersatz desselben ausgeführt werden, sind im allgemeinen forensisch von hoher und viel größerer Bedeutung wie die masochistischen. - Was das sadistische Vorgehen während des Geschlechtsaktes betrifft, so kann sich hier innerhalb normaler Grenzen wollüstiges Küssen zu lustvollem Beißen oder Liebkosen, Kneifen, schmerzhaftem Pressen usw. steigern. Auch Vergewaltigungs- und Notzuchtshandlungen brauchen nicht ein sadistisches Gepräge zeigen, sondern können bei normalem geschlechtlichen Verhalten durch Gelegenheitsursachen, zum Beispiel Alkoholrausch, lange Enthaltsamkeit, schlechte soziale Lage, Wohnungsnot (Schlafburschenwesen), heiße Jahreszeit usw., ausgelöst werden. Krankhaftes, durch abnorme Triebstärke bedingtes Verhalten liegt jedoch vor, wenn bei der Notzucht oder Vergewaltigung ohne Schonung der Gesundheit, ja des Lebens des Sexualpartners, vorgegangen wird (s. Lustmord). Von krankhaftem Verhalten wird man auch sprechen, wenn der Geschlechtsakt nicht mehr als solcher, sondern die Begleitumstände der Quälerei und Grausamkeit im Vordergrund stehen, zum Beispiel der Partner vor dem Geschlechtsverkehr gebunden, geschlagen oder sonst mißhandelt wird. Es gibt hier die verschiedensten Variationen sadistischer Betätigung von impulsiven Affektäußerungen bis zu raffiniert durchgeführter Grausamkeit, die sich dann auch wieder direkt oder nur indirekt als symbolische Handlungen betätigen kann. Die Literatur birgt hier ein außerordentlich reichhaltiges Material. Für Marquis de Sade hatte der Beischlaf nur Reiz, wenn er seine Sexualpartnerin blutig stechen konnte, und Brierre de Boismont erzählt von einem Kapitän, der seine Geliebte zwang, sich vor dem Beischlaf Blutegel an die Schamteile setzen zu lassen. Der Lustmörder Großmann pflegte den Frauen während des Beischlafes und im Orgasmus den Finger tief in den Rachen zu stoßen, so daß sie sich erbrechen mußten. Ein anderer Fall ist mir bekannt, wo ein junger Mann seine Freundin vor dem Beischlaf fesselte und ihr mit einer Rasierklinge oberflächliche Schnitte in die Oberschenkel beibrachte, um ihr das Blut auszusaugen. Dieses Blutsaugen findet man bei Männern und Frauen öfter vor oder während des Geschlechtsaktes (sexueller Vampirismus, s. d.). Bekannt ist auch das Schlagen, Fesseln, Stechen des Opfers (»Piqueurs« [s. d.] der Literatur) vor oder während des Geschlechtsverkehrs. Allerdings braucht nicht jede beim Geschlechtsverkehr beigebrachte Wunde oder Verletzung sadistischen Ursprungs zu sein. Sie kann auch zufällig in der geschlechtlichen Erregung (Zerreißungen der Scheide und am Hoden, Penisverletzungen) oder aus Ekel und Abscheu vor dem Geschlechtsakt und Sexualpartner, zum Beispiel bei Verführung Jugendlicher durch Prostituierte oder von Homosexuellen nach dem Verkehr mit Frauen, eventuell mit Todeserfolg beigebracht werden. Weiter gehört hieher auch der sogenannte »sexuelle Wortsadismus« (s. d.), der im Aussprechen brutaler und obszöner Ausdrücke während des Geschlechtsaktes, einer übrigens besonders bei den östlichen Völkern weit verbreiteten Sitte, besteht. Manche haben in ihm weiter nichts als eine Ausdrucksform der primitiven sadistischen Instinkte des Menschen, eine Steigerung und drastische Betonung der physiologischen Wollustlaute und Schreie im Geschlechtsakt gesehen (Bloch). - Streng zu trennen von dieser Gruppe sadistischer Handlungen sind diejenigen, die als vollwertiger Ersatz des Geschlechtsaktes vorgenommen werden. Hier kommt es nicht zu sexuellen Handlungen, sondern das sadistische Gebaren stellt die sexuelle Ersatzhandlung dar, wofür wohl meist eine mehr oder weniger tiefgreifende normwidrige Veranlagung Voraussetzung ist. Es kommen hier die verschiedensten Dinge in Betracht. Vor allem können die erwähnten sadistischen Begleithandlungen des Sexualaktes auch ohne letzteren volle geschlechtliche Befriedigung gewähren. Hierher gehören im Gegensatz zu den oben erwähnten diejenigen Notzuchtsdelikte und Lustmorde, bei denen sich der Sexualtrieb in Gewalttaten, wie Würgen, Schlagen, Stechen, Beißen, Blutsaugen, Essen von dem Fleisch des Opfers (Anthropophagie, s. d.), Leibaufschneiden, Verstümmeln und Zerstückeln der Genitalien oder des ganzen Leichnams, eventuell mit nachträglichem Aufheben von Teilen der Leiche, der Geschlechtsorgane, Brüste, Haare usw. (s. Fetischismus), erschöpft, ein Beischlaf also an dem Opfer nicht vorgenommen wird, da ihn das Verletzen, Quälen und Töten des Opfers ersetzt und vertritt (s. Lustmord). Man vermißt dann meist die Zeichen des Beischlafs am Opfer und findet Samenspuren weder an seinen Geschlechtsteilen noch sonst am Körper. Sind Körperhöhlen durch Wunden eröffnet, kann es aber auch in sie hinein zum Samenerguß kommen. Bekannt ist der Prozeß des Marschalls Gilles de Rays (1440 hingerichtet), der innerhalb von acht Jahren über 800 Kinder in gräßlicher Weise hingeschlachtet und zerstückelt hat. Weiter kommt hier vor allem auch die aktive Geißelung (Flagellation, Flagellomanie) in Betracht, deren Grundlage, unter welcher Maske sie auch auftritt, immer der Geschlechtstrieb ist. Besonders Perverse, Impotente usw. bedienen sich ihrer als Ersatz für den unmöglichen oder nicht gewollten Geschlechtsverkehr. Die Neigung zu ihr läßt sich oft auf das zufällige Erleben von Prügelszenen, das systematische und offizielle Prügeln von Kindern zu Erziehungszwecken bei Gesellschaftsspielen usw. zurückführen. Auch die oft unmenschlichen Züchtigungen von Knaben durch Lehrpersonen und Erzieher (Knabengeißelung, Erziehersadismus, Dippoldismus), von Kindern durch Mütter, Mißhandlungen von Soldaten, Fürsorgezöglingen und verwahrlosten Mädchen gehören hierher. Auf einer ähnlichen Grundlage entwickelt sich auch die Vorliebe für blutrünstige Sports. Schon bei Jugendlichen stellt sich oft Neigung zum Quälen und grausamen Behandeln gleichaltriger oder jüngerer Kameraden ein, wobei die Roheitsdelikte oft ohne jede Beziehung zu sexuellen Regungen vollzogen werden. Auch die unbezwingbare Lust, Tiere zu quälen und zu martern, hat man besonders bei Knaben in der Entwicklungszeit, aber auch bei geschlechtsreifen Männern (s. Sodomie) gesehen. Ein von mir beobachteter Lustmörder, der als Leiter einer kommunistischen Wandergruppe mit seinen Freunden im Walde sadistische Szenen theatermäßig gespielt und photographiert hatte, in denen er in blutrünstiger Pose selbst als Räuber, Indianer, Henker usw. die Hauptrolle darstellte, ein großes Waffenarsenal besaß und eine ganze Reihe von Frauen und Männern in einer unterirdischen Höhle, die er sich auf seinem Gartengrundstück in raffinierter Weise als Marterraum eingerichtet hatte, ermordet, skalpiert und zerstückelt hatte, hinterließ ein Tagebuch, in dem er ebenfalls sehr ausführlich seine ausgesprochene Neigung zu Tierquälereien schon in seiner Jugend betonte. Eine besondere Gruppe bilden die Kindermißhandlungen durch Mütter (Misopädie, s. d.). Die Kinder sind meist vorehelich, aus einer früheren Ehe oder von einem Vater, den die Mutter haßt, häufig auch schwächlich, kränklich oder zurückgeblieben und ärgern oder stören dadurch die Mütter, die ebenfalls oft reizbar, zu Stimmungsschwankungen geneigt sind, in unglücklicher Ehe leben und den Haß gegen den Vater auf das Kind übertragen. In enger Beziehung zur Flagellation steht die Neigung zum Fesseln und Wehrlosmachen des Opfers, eventuell mit Hilfe besonderer Vorrichtungen (»Fesselstuhl«). Auch das Einzwängen in enge Schuhe, Handschuhe, Korsetts (»Korsettsadismus«) wird oft aus rein sadistischen Motiven vorgenommen. Weiter gehören hierher die Messerstecher, Kleiderbesudler, -schlitzer und -verbrenner, Säure-, Tinte- und Vitriolspritzer, bis zu einem gewissen Grade auch die Zopfabschneider. Bei letzteren spielt jedoch meist auch eine fetischistische Komponente eine Rolle, die übrigens auch bei Angriffen gegen die Kleidung (Fetischhaß) und Körperverletzungen vorliegen kann. Die Messerstecher richten ihre Angriffe meist auf die Genitalgegend und das Gesäß ihrer Opfer und wissen sich häufig lange ihren Verfolgern zu entziehen. Berühmt geworden sind die Messerstecher von Bozen und Augsburg (neuer Pitaval). Sadistische Akte sind auch die Besudelungen weiblicher Personen mit Kot, Urin und anderen ekelhaften Dingen, die namentlich bei impotenten Männern an die Stelle des Geschlechtsaktes treten können. Eine merkwürdige symbolische Form des S. stellt auch das Einölen und Einseifen des nackten Körpers des Partners zum Zwecke geschlechtlicher Befriedigung dar. Endlich gibt es auch eine Gotteslästerung aus sadistischen Motiven, den sogenannten »Satanismus«, der besonders im Mittelalter in Form der sogenannten »Satansmesse« verbreitet war, in der die religiöse Messe durch geschlechtliche Handlungen profaniert und beschimpft wurde. Sadistische Motive spielen schließlich auch häufig bei der Leichenschändung (Nekrophilie), der Statuenschändung und dem Giftmord (s. d.) eine Rolle. - Der S. hat, wie der Masochismus, wegen seiner starken psychischen Ansteckungsfähigkeit auch eine große Bedeutung als Massenerscheinung. Zahlreiche Beispiele aus der Weltgeschichte zeigen das. In Kriegen kann sich der S. in der gemeinschaftlichen Notzucht zahlreicher Frauen auswirken. [S. auch Ergänzungsband.]

Waldemar Weimann: Eintrag "Sadismus" im "Bilder-Lexikon Sexualwissenschaft" (1930); Details siehe [Wei30]


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