Bisam

31.07.2000

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    Jahresübersicht 2000 | Monatsübersicht Juli

  1. REZ "Romance" von Catherine Breillat
  2. Tagesspiegel-Bericht über Bobos
  3. Artikel über Cybersex in "c't"
  4. Angenehm scharfe Sauce: "Pain is good"
  5. lifeline.de entfernt SM-feindlichen Text

REZ "Romance" von Catherine Breillat

"Romance", F 1999, 95min Regie: Catherine Breillat Kamera: Yorgos Arvanitis Drehbuch: Catherine Breillat Besetzung: Caroline Trousselard, Sagamore Stevenin, Francois Berleand, Rocco Siffredi u.a. Siehe auch SWL vom 10.5.2000

Film ueber einer Lehrerin (Marie), deren fester Freund saemtliche sexuellen Annaeherungen ihrerseits zurueckweist und die daher beschliesst fremdzugehen. Sie begegnet dabei drei Maennern: einem unbekannten in einer Bar, der sich vor ein paar Monaten von seiner Frau getrennt hatte und seit dem keinen Sex mehr hatte; ihrem Schulleiter, der zwar unfaehig zu einer festen Bindung ist, in seinem Leben aber "ueber 10.000" Frauen hatte und einem Fremden, der ihr erst 100 Franc bietet um sie zu lecken, sie bei der Gelegenheit aber vergewaltigt.

Im Film entpuppt sich der Schulleiter als sadomasochistischer Top. Nachdem er sie mit ihren schlechten Leistungen mehr oder minder genoetigt hat, mit ihm nach Hause zu kommen um mit ihr zu schlafen, knebelt und fesselt er sie. Dabei erleidet sie einen Absturz, jedoch kommt sie im Laufe des Films noch zu ihm zurueck, um mit ihm zu spielen.

KOMMENTAR

Romance ist ein ziemlich "franzoesischer" Film, teilweise langatmig, schwerverstaendlich, anstrengend. Es erwartet einen eine Parabel ueber das Prinzip der Annaeherung und Zurueckweisung, der Provokation und Unterwerfung in der Liebe. Kurz vor dem Punkt, wo er mich ernsthaft genervt hat, kriegt er die Wende und wird noch interessant. Allerdings werden nur Leute auf ihre Kosten kommen, die auch gewissen Laengen bereit sind, zu tolerieren.

Marie ist die verkoerperte Unschuld (passenderweise meist in einfachem weissen Kostuem), eine Jean d'Arc, die von ihren Maennern auf unterschiedliche Weise beherrscht wird: Paul (ihr fester Freund) beherrscht sie durch Unnahbarkeit, Paolo (gespielt von Pornostar Rocco Siffredi) durch seinen riesigen Schwanz und staendige Potenz, von ihrem Schulleiter durch Knebel und Bondageseile und der Fremde aus der U-Bahn unterwirft sie koerperlich. Auch wenn sie sich gegen diese Unterwerfung wehrt, sucht sie sie gleichzeitig. Sie provoziert, traegt dann aber die Folgen zitternd.

"Romance" ist kein SM-Film, auch wenn die Bondage-Szenen sehr sehr realistisch sind: der Top ist ein Archetyp - aelterer Mann, einsam, etwas laecherlich in seinem Beharren auf die Menge an Frauen, die er flachgelegt hat, gleichzeitig zitternd und ungeschickt vor Geilheit als es zur Sache geht. Waehrend mir der Film vorher zu viel halbphilosophisches Gequatsche enthielt wird er hier teilweise ausgesprochen lustig. Der Top, der in seiner perfekt durchgestylten Wohnung hektisch in der Kiste mit den Toys kramt, unschluessig eine Spreizstange betrachtet, zu einer japanischen Fesselung ansetzt "nun hilf mir doch mal!", dann aber feststellt, dass es so nicht funktionieren kann und sie dann halt wie es grade passt zusammmenschnuert... man hat das deutliche Gefuehl, dass die Regisseurin zumindest jemanden hatte, der Bondage aus eigener Anschauung kennt. Auch wenn SM hier nicht als die bessere Sexualitaet gezeigt wird, so macht der Film SM auch nicht laecherlich. Die Schwierigkeiten, selbst der Absturz sind halt die normalen Pannen, wie sie Menschen in jedem Lebensbereich unterlaufen. Auch wenn ihr Schulleiter sie noetigt, in der Art wie sie mitspielt hat man durch und durch den Eindruck von konsensuellem SM. Und wie so haeufig im franz. Kino ist "Romance" prima durchgestylt: traegt M. den ganzen Film helle, meist weisse Kleider, so erscheint sie zur Japan-Bondage in stilechtem Signalrot.


Tagesspiegel-Bericht über Bobos

Unter dem Titel "Amerikas neue Elite - Aus Politik ist Lifestyle geworden" fasst Tobias Timm im Berliner "Tagesspiegel" vom 29. Juli 2000 das Buch "Bobos in Paradise" von David Brooks zusammen. Im Text heisst es unter der Zwischenueberschrift "Auch Sados haben Vereinskultur": "Die Free-Love-Bewegung der Hippies wurde vom Mainstream absorbiert und befriedet. Brooks berichtet, dass sich nun auch die Sadomasochisten in Arizona in einer politisch korrekten Vereinstruktur organisiert haben. Die in den wilden 60er Jahren verteufelte puritanische Moral hat sich über die Hintertür der "gesunden Lebensweise" wieder eingeschlichen."

Quelle: 195.170.124.152/archiv/2000/07/28/ak-ku-li-sa-11999.html

KOMMENTAR

Die US-Sadomasochisten haben allen Grund, sich in Vereinsstrukturen zu organisieren; dort hat man mit wesentlich mehr juristischen, politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu kaempfen als in Deutschland. Erst in den letzten Monaten wurden wieder diverse Clubs geschlossen und Partyteilnehmer festgenommen ...


Artikel über Cybersex in "c't"

Unter der Ueberschrift "Poppnet" berichten Christiane Eichenberg und Ralf Ott in der Computerzeitschrift c't 16/2000 vom 31.7. ueber "Sex im Internet: Mehr Last als Lust?" Auszuege:

"Ein anderes Vorurteil besagt, dass sich im Netz Menschen mit speziellen sexuellen Vorlieben besonders haeufig exponieren: Fetisch-, Sado- oder Maso-Freunde, Exhibitionisten oder Voyeure beispielsweise. Diese Auffassung liess sich in der Stichprobe nicht bestaetigen. Am haeufigsten fanden sich noch WWW-Seiten zu SM-Spielarten und Fetischen, gefolgt von voyeuristischem und exhibitionistischem Material. Einige wenige Homepages befassten sich mit anderen Themen wie Transvestismus und Faekalspielen. Auch in dieser Studie wurden so gut wie keine Seiten mit tier- oder kinderpornografischen Inhalten gefunden (...) Auch hier zeigt sich: In den Medien wird die Verbreitung solcher Themen oft drastisch ueberschaetzt. Waehrend Frauen in der herkoemmlichen SM- und Fetisch-Szene tatsaechlich haeufig unterrepraesentiert sind, zeigt sich in den Web-Praesentationen ein ausgeglicheneres Bild: Knapp 15 Prozent der erfassten Frauen boten SM-Darstellungen an, jedoch nur gut acht Prozent der Maenner. So laesst sich vermuten, dass Frauen ein entsprechendes Interesse im Netz gefahrloser aeussern koennen."

"Anderen ist es wichtig, ueber ein bestimmtes Thema zu informieren, um den ihrer Meinung nach in den Medien verzerrten oder unzureichenden Darstellungen etwas entgegenzusetzen. Zitat: 'Ein grosses Schweigen herrscht in herkoemmlichen Medien ueber das Thema SM. Mir war es wichtig, auf einer Kommunikationsebene serioese Informationen zu einem Thema anzubieten, das normalerweise nur 'unter der Theke' gehandelt wird.' Der Mitteilungsfreude tut es keinen Abbruch, dass mittlerweile die Medien in Gestalt von liebe suende, Peep, Die Redaktion und so fort auch das skurrilste Sexthema telegen (aber oft realitaetsfern) breittreten."

Der Artikel bezieht sich in weiten Teilen auf Christiane Eichenbergs eigene Studie ("Inhalte und Nutzung sexualbezogener WWW-Angebote unter besonderer Beruecksichtigung der Geschlechterperspektive. Unveroeffentlichte Diplomarbeit, Universitaet zu Koeln 2000), in der 300 sexualbezogene WWW-Angebote aus dem deutsch- und englischsprachigen Internet analysiert wurden. Illustriert ist der Beitrag unter anderem mit einem Screenshot der Website "Streng & Bizarr", die unter der angegebenen URL jedoch bereits nicht mehr zu erreichen ist. Nur private Website-Betreiber waren erfasst und angeschrieben worden; so dass die nichtkommerziellen SM-Info-Websites in der Untersuchung keine Rolle spielen duerften.


Angenehm scharfe Sauce: "Pain is good"

Die scharfe Sauce mit dem orginellen Namen "Pain is Good" kann man bei sammcgees.com/ bestellen.

KOMMENTAR

Ich habe die Sauce zufällig bei einem Bekannten entdeckt und gleich mal ausprobiert - ist IMHO eher harmlos, kann man fast wie Ketchup benutzen, ist zwar um einiges schärfer als hier erhältliche 08/15-Saucen von Knorr/Thomy/usw., aber nicht ganz so scharf wie frische Pepperoni - von den *wirklich* scharfen Saucen wie Endorphine Rush (ein winziger Tropfen und man hat eine halbe Stunde seinen Spaß *eg*) ganz zu schweigen.


lifeline.de entfernt SM-feindlichen Text

Das Online-Gesundheitsmagazin Lifeline (www.lifeline.de/) hat einen SM-feindlichen Text von Shere Hite ueber Pornographie von den Webseiten entfernt. Der Rest der Rubrik "Lust und Liebe" scheint weitgehend unveraendert, so dass die Aenderung vermutlich auf die vier Beschwerdemails zurueckzufuehren sein duerfte, die ich seit Dezember 1999 an die Redaktion gerichtet habe. Zur Ansicht eine davon, in der die unerfreulichsten Stellen des Textes zitiert werden:

Liebe Lifeline-Redaktion,

im Beitrag "Eros und Pornographie" Ihrer Shere-Hite-Rubrik heisst es trotz Ihrer Versprechen, die Rubrik umzustellen, nach wie vor:

"Gut gemachte Erotika bedeuten vor allem, dass Videos Frauen nicht darstellen wie Sklavinnen oder Huendinnen, angeleint, geschlagen, gefesselt, geknebelt."

Ob Frauen in Videos angeleint, geschlagen, gefesselt und geknebelt werden oder nicht, hat mit der Qualitaet dieser Videos wenig zu tun. Videos, in denen Frauen - und uebrigens mindestens ebenso haeufig auch Maenner - geschlagen und gedemuetigt werden, richten sich an Sadomasochisten und werden von uns nach den gleichen Qualitaetsmassstaeben, die auch fuer Filme anderer Thematik gelten, als gut oder weniger gut gemacht beurteilt.

"Das Wesen der Pornographie ist es, Frauen als Zielscheibe darzustellen, als Opfer eines Angriffs verstanden."

Tatsaechlich werden in der ueberwiegenden Mehrheit pornographischer Schriften oder Videos Frauen keineswegs als Opfer irgendwelcher Angriffe dargestellt. Hier ist vom geringen Anteil der sadomasochistischen Pornographie am Gesamtmarkt die Rede, nicht etwa vom "Wesen der Pornographie" an sich.

"Wenn Sie sich Pornovideos kaufen, bitte kaufen sie keine gewalttaetigen. Es ist erwiesen, dass solche Videos die sexuelle Gewalt gegen Frauen und junge Maedchen foerdern und antreiben."

Dieser Sachverhalt ist keineswegs erwiesen; tatsaechlich weisen die vorhandenen Daten eher in die entgegengesetzte Richtung. Ausfuehrlich dargestellt finden Sie die Forschungslage etwa im sehr empfehlenswerten und ausfuehrlichen "Zur Verteidigung der Pornographie. Fuer die Freiheit des Wortes, Sex und die Rechte der Frauen" von Nadine Strossen, 1997 im Haffmans Verlag erschienen.

Ich halte es nach wie vor nicht fuer angemessen oder zeitgemaess, diesen Text in einem Forum zu veroeffentlichen, das sich ansonsten offenbar der neutralen und vorurteilsfreien Aufklaerung widmet. Es waere schoen, wenn Sie sich dazu durchringen koennten, ihn endlich zu entfernen und vielleicht durch ein paar aktuellere Forschungsergebnisse zu ersetzen.

Mit freundlichen Gruessen, Kathrin Passig Vorstandsvorsitzende BDSM Berlin e.V. www.bdsm-berlin.de/



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Erzeugt am: 17.01.2005

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