Bisam

11.11.2000

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  1. REZ "Happy Sex für Ihn" und "Brave Mädchen wild"

REZ "Happy Sex für Ihn" und "Brave Mädchen wild"

Doppel-Rezension von "Happy Sex für Ihn" von Maurice Yaffe und Elizabeth Fenwick sowie "So macht Mann brave Mädchen wild" von Astrid-Christina Richtsfeld

Im Jahr 2000 erschienen in zwei der bekanntesten deutschen Verlage speziell für Männer verfasste Sexualratgeber, in denen auch der Sadomasochismus als Thema gestreift wird.

Das bei Heyne herausgegebene "Happy Sex für Ihn" verurteilt den Sadomasochismus unverhohlen als Störung: So raten die Autoren jedem Leser, der die Neigung verspürt, seinen Partner erotisch zu fesseln oder zu misshandeln, "sofort" einen Sexualtherapeuten aufzusuchen. Auch heißt es: Sadomasochisten seien grundsätzlich Männer. Die wenigen Frauen, die sich an diesen Praktiken beteiligten, täten dies allein, um den sexuellen Wünschen ihres Partners entgegenzukommen. Das Buch erscheint bei Heyne in der achten Auflage. Die Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1986, in dem letzere These tatsächlich noch vom Großteil der Sexualwissenschaft vertreten wurde. Eine Überarbeitung auf der Grundlage der neueren Erkenntnisse scheint seitdem nicht stattgefunden zu haben.

Das von der "Men's Health"-Redakteurin Astrid-Christina Richtsfeld bei Rowohlt herausgegebene "So macht Mann brave Mädchen wild" offenbart ein eher gespaltenes Verhältnis der Autorin zu SM-Praktiken. Einerseits heißt es auf Seite 137: "Alles, was der Partner mit Freude und ohne den geringsten psychischen Druck mitmacht und was keinerlei gesundheitsschädigende Folgen hat, ist erlaubt."

(Eingeschobener Kommentar: Inhaltlich korrespondiert dieses Statement natürlich mit dem Safe-sane-und-consensual der sadomasochistischen Ethik. Stilistisch betrachtet, frage ich mich, mit welcher Berechtigung Frau Richtsfeld die Stellung meines Pastors übernehmen möchte, um mir zu sagen, was erlaubt ist und was nicht. Ernsthaft: Ein stark normativer und meiner Einschätzung nach von den persönlichen Vorlieben der Autorin geprägter Tonfall zieht sich auf für mich sehr aufdringliche Weise durch das gesamte Buch.)

Dieses Zitat ist umrahmt von einer Reihe (meiner Kenntnis nach) durchaus sinnvoller und angemessener SM-Sicherheitsvorschriften zum Beispiel bezüglich des Umgangs mit Hand- und Fußfesseln, Peitschen, Halsbändern etc. Mancher mag allerdings kritisieren, dass die Gefahr der Dosisteigerung sehr dramatisiert wird: "Der Teufelskreis beginnt, wenn sich die Befriedigung immer später einstellt und die Phantasie immer drastischere Mittel erfindet. Der Weg vom leicht geröteten Gesäß zum genadelten Penis ist zwar weit, aber gangbar." Dann jedoch findet bereits auf Seite 139 ein nach dem bisher Gesagten recht unvermittelter Umschlag statt: "Von Perversionen will zwar heute kaum jemand sprechen, wenn es sich um S/M und verwandte Praktiken handelt, doch Tatsache bleibt, dass derartige Neigungen nur allzu häufig eine kranke Seele spiegeln und sexuelle Gewalt angedeutet oder ausgeführt mit humanitären Idealen nicht vereinbar ist. Natürlich müssen Sie nicht gleich das Verhältnis zu Ihrer Mutter argwöhnisch unter die Lupe nehmen, wenn Sie Spaß daran haben, Ihre Partnerin kunstvoll zu fesseln. Genauso wenig braucht sich Ihre Partnerin, die gerne gefesselt wird, eine unglückselige Prägung beim Indianerspielen einreden, aber ein gut bestückter Folterkeller gehört noch lange nicht zum Standardprogramm bei Fertighäusern ... "

KOMMENTAR

Der Anfang des zuletzt zitierten Absatzes präsentiert trotz angedeuteter Abschwächungen das altbekannte Bild vom Sadomasochisten als Gestörtem, wie es sexualwissenschaftlichen Untersuchungen zufolge längst nicht mehr haltbar ist. Natürlich gibt es etliche SMer, bei denen man sich des subjektiven Eindrucks nicht ganz erwehren kann, dass sie gehörig einen an der Klatsche haben, aber dass diese Zahl größer als bei den Anhängern des Klassik Sex sein soll, wurde in der neueren Forschung durchgehend widerlegt. Im Rest des Absatzes läuft die Autorin sprachlich-inhaltlich endgültig in einer Weise Amok, dass man sich wundert, was bei Rowohlt inzwischen alles durchs Lektorat geht. Hinter mehreren ironischen, witzig-pfiffig gemeinten Wendungen, die auch sonst das Markenzeichen Frau Richtsfelds darstellen, verbirgt sich eine völlig sinnleere Inhaltsebene: Offenkundig hat Frau Richtsfeld für sich selbst noch nicht ganz ausdiskutiert, was sie jetzt von Sadomasochismus wirklich hält, und lässt so ihre Leser an einer Pseudo-Gegenüberstellung des Für und Wider teilhaben.

Was "das Verhältnis zu Ihrer Mutter" oder das Standardprogramm für Fertighäuser mit der von der Autorin gewählten Frage zu tun hat, ob sadomasochistische Sexualität zu rechtfertigen ist, wird wohl das Geheimnis von Frau Richtsfeld bleiben. Mit den abschließenden drei Punkten dieses Absatzes entlässt sie auch den Leser in den Nebel und widmet sich im folgenden Absatz dem Thema der Travestie.



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Erzeugt am: 17.01.2005

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