Howtos

»Mit Hängen und Würgen«
Der Fall Kotzwarra


Aus: Dühren, Eugen (Iwan Bloch): "Englische Sittengeschichte", Zweite veränderte Auflage, Berlin 1912, Band II, S. 92-97

Ein anderer Masochist erregte im Jahre 1791 durch sein eigentümliches Ende großes Aufsehen in London, da sein Tod eine direkte Folge seiner masochistischen Phantasien war. Diese Affäre des Musikers Kotzwarra ist, da sie durchaus beglaubigt ist, so interessant, daß wir etwas ausführlicher darauf eingehen wollen.

Hören wir zunächst den Bericht von J. W. von Archenholtz.1) "Es ereignete sich in London ein sehr sonderbarer Zufall, der einen Kriminal-Prozeß veranlaßte. Es lebte allda ein Musikus, Namens Kotzwarra aus Prag, ein Mann von besondern musikalischen Talenten, der auf dreizehn Instrumenten spielte und auf einigen sich als ein großer Virtuose gezeigt hatte. Ich habe ihn selbst gekannt und oft seine Talente bewundert. Die berühmten Tonkünstler Bach und Abel, die sich in England so viel Ruhm erwarben, hielten ihn in Behandlung des Kontre-Basses für einzig in Europa; auch hatte er auf diesem Instrument alle Nebenbuhler in London, Paris und Venedig verdunkelt. Die vorgedachten Tonkünstler riefen ihn auch oft in den Jahren 1769 und 1770 zu ihren großen Konzerten in Hanover Sqare [sic], wo sie ihn fürstlich belohnten. Dieser Mann aber vernachlässigte bald seine Talente und ergab sich einem lüderlichen Leben. Er wurde ein Wollüstling der ersten Größe und sann immer auf künstliche Vermehrung der sinnlichen Gefühle. Man hatte ihm gesagt, daß ein Gehangener durch den mehr raschen Umlauf des Bluts und die Ausdehnung gewisser Gefäße einige Minuten lang eine sehr angenehme Sensation hätte. Nach Aussage von Zeugen hatte er auch schon oft dieses Experiment gemacht, und zwar bei Lustmädchen, die er sodann immer für den dabei geleisteten Beistand bezahlt hatte. Um dies wieder zu tun, ging er im September auch zu einem Lustmädchen ohnweit Coventgarden, und bat sie, ihn aufzuknüpfen, aber nach fünf Minuten den Strick wieder herunter zu lassen. Das arme Mädchen wollte sich anfangs zu diesem sonderbaren Spaß nicht verstehen; durch Zureden und Geld gelang es ihm jedoch, sie dahin zu bringen.

Sie hing ihn auf, befestigte den Strick an der Tür und ließ ihn nach, als die vorgeschriebenen fünf Minuten vorbei waren. Kotzwarra aber gab kein Lebenszeichen von sich, und obgleich man alle Hilfsmittel anwandte, so blieb er tot. Das Mädchen, Susanna Hill, wurde als eine Mörderin eingezogen, infolge des Ausspruchs der bei dem Leichnahme hinzugerufenen Geschworenen, die von 5 Uhr nachmittags bis 2 Uhr des Morgens zusammen blieben, um ihr Urteil durch 'wilful murder' (vorsätzlicher Mord) zu bezeichnen. Sie stritten sich darum 9 Stunden lang und glaubten endlich durch ihren strengen Ausspruch die Mitwirkung solcher Mädchen bei ausschweifenden Wollüsten als Beispiel bestrafen zu müssen. Das arme Mädchen mußte also in der Old-Bailey auf Tod und Leben den Kriminalprozeß ausstehen, der jedoch nicht zu ihrem Nachteil ausfiel, weil die Handlung von den Richtern nicht als ein Mord, sondern als ein unvorsätzlicher Totschlag betrachtet wurde, und auch so vernünftigerweise angesehen werden mußte. Sie kam daher sogleich los, mit Erinnerungen eines besseren Lebenswandels. Die dabei aufgedeckten Umstände waren so außerordentlich, für die Schamhaftigkeit so beleidigend und für die Moralität so gefährlich, daß die Richter nicht allein alle im Tribunal anwesenden Frauenzimmer ersuchten, sich zu entfernen, sondern auch befahlen, daß die Protokolle des Prozesses nebst allen dazu gehörigen Papieren verbrannt werden sollten."

Diese berühmte Affäre nebst anderen ähnlichen Beispielen wird in einer seltenen, höchst interessanten englischen Broschüre jener Zeit: "Modern Propensities; or, An Essay on the Art of Strangling, etc. Illustrated with several Anecdotes. With Memoirs of Susannah Hill, and a Summary of Her Trial at the Old-Bailey, on Friday, September 16, 1791, On the Charge of Hanging Francis Kotzwarra, At her Lodgings Vine Street, on September 2. London: Printed for the Author; and sold by J. Dawson, No. 12, Red-Lion Street, Holborn; at No. 18, New Street, Show Lane; and No. 20, Paternoster Row [Price One Shilling]" (8°, 46 S. und Titelbild, welches Susannah Hill darstellt, wie sie den Strick um Kotzwarras Hals legt).

Susannah Hills Aussage, die in dieser Schrift abgedruckt ist, lautet: "Daß am Nachmittage des 2. September, zwischen 1 und 2 Uhr, ein Mann, den sie nie gesehen hätte und der mit dem Toten identisch gewesen sei, in das Haus, wo sie wohnte, gekommen sei, da die Tür nach der Straße offen gewesen sei. Er fragte sie, ob sie mit ihm trinken wolle. Sie habe Porter verlangt, er Brandy mit Wasser, und ihr Geld gegeben, um beides zu holen, sowie zwei Schillinge für Hammel- und Rindfleisch, welches sie ebenfalls kaufte. Einige Zeit nachher gingen sie in ein hinteres Zimmer, wo mehrere höchst indezente Handlungen vorgenommen wurden. Insbesondere verlangte er von ihr, daß sie ihm genitalia abscinderet, und zwar in zwei Teile. Aber sie weigerte sich, das zu tun. - Dann sagte er, er möchte gern fünf Minuten lang gehängt werden und bemerkte, während er ihr Geld für den Strick gab, daß dies seine Wollust steigern und den gewünschten Effekt herbeiführen wurde. Sie brachte dann zwei schmale Stricke und legte sie ihm um den Hals. Er zog sich dann an der hinteren Zimmertür empor, einer Stelle, wo er sehr niedrig hing und zog die Kniee zusammen ... Nach fünf Minuten schnitt sie ihn ab, er fiel sofort auf den Boden. Sie hielt dies für eine Ohnmacht und rief eine gegenüberwohnende Nachbarin zu Hilfe ... Die Angeklagte wurde freigesprochen."

Der Herausgeber des "Bon Ton Magazine" bespricht in der Nr. 31 vom September 1793 im Anschlusse an die eben erwähnte Broschüre, deren Titelbild reproduziert wird, ebenfalls den Fall Kotzwarra und schließt die folgende Abhandlung über die "Wirkungen zeitweiliger Strangulation auf den menschlichen Körper" daran an.

"Die Strangulation Kotzwarras, obgleich sie wunderlich verhängnisvoll auslief, hat die Praxis der tierischen Suspension nicht ganz beseitigt. Die Schöne, welche jenem exzentrischen Liebhaber Beistand bei der Operation leistete, sagte aus, daß er einige Augenblicke vor seinem Ende tatsächlich gewisse Anzeichen aufgewiesen habe, welche in deutlicher Weise den guten Effekt dieser Prozedur bewiesen ...

Nachdem diese Aussage dem verliebten Gegenstande unseres Bildes, einem reichen Einwohner von Bristol mitgeteilt worden war, der, trotzdem er in den geheimen Angelegenheiten der Venus des Beistandes bedarf, dennoch ein Mann von großem öffentlichen Ansehen ist, entschloß er sich, das Mittel mit größerer Vorsicht zu versuchen. Demgemäß kam er am Anfang des vorigen Monats nach der Hauptstadt, zu diesem speziellen Zwecke, und wandte sich sogleich an ein schönes Freudenmädchen in Charlotte-street, indem er ihr offen seine Impotenz bekannte und die Methode mitteilte, um das Übel zu beseitigen, damit er ihre liebliche Person voll genießen könne. Um ihre Bereitwilligkeit zu erzwingen, wurde das nie fehlschlagende Argument 'Gold' reichlich in Anwendung gebracht, und da er bereits mit einem stimulierenden Strick versehen war, fing man sogleich die Prozedur an."

Er stieg auf einen kleinen Stuhl, befestigte die Schleife an einem Luftrohre, war das andere Ende über einen Kreuzbalken und befestigte es mit Hülfe seiner schönen Genossin in einer solchen Weise, daß keinerlei Gefahr vorhanden war. Der kleine Stuhl wurde dann entfernt und unser Held hing derart, daß er gerade mit den Füßen den Boden berührte. Schon nach einer halben Minute zeigten sich die stimulierenden Wirkungen dieser eigenartigen Prozedur in deutlichster Weise. Aber plötzlich erschienen auch bei ihm bedrohliche Symptome, die das Mädchen zur schleunigen Befreiung ihres sonderbaren Liebhabers veranlaßten. Um ihn gänzlich zum Leben zurückzubringen, bedurfte es aber noch der Assistenz der Gesellschaft für die Wiederbelebung Ertrunkener!2)

Auch die Berliner Masseusen besitzen eine ähnliche sonderbare Klientel, da viele von ihnen unter ihren Marterinstrumenten auch solche "Aufhänge-Apparate" vorrätig haben.3)

1) J. W. v. Archenholtz "Brittische Annalen auf das Jahr 1791", Hamburg 1793 Bd. VII S. 38-41
2) The Bon Ton Magazine Bd. III S. 242 ff. (No. 31, September 1793).
3) Iwan Bloch "Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexualis". Teil II, S. 173.

 

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