Howtos

Stahl für Intimschmuck

Inhalt


Implantatstahl darf nicht für Intimschmuck verwendet werden

Implantatstahl darf aufgrund seines Nickelgehaltes tatsächlich nicht für den Ersteinsatz bei Piercings verwendet werden (so paradox das auch klingen mag, da man ihn schliesslich in Knochen u.ä. einsetzten darf).

Beim Versuch, den Sachverhalt juristisch etwas genauer zu beleuchten, ergibt sich folgendes:
Piercingschmuck ist rechtlich betrachtet ein "Bedarfsgegenstand" im Sinne von § 5 Abs. 1 Nr. 6 des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes (LMBG), da er dazu bestimmt ist, "nicht nur vorübergehend mit dem menschlichen Körper in Berührung zu kommen" (so das LMBG zur Frage, was u.a. unter den Begriff der Bedarfsgegenstände fällt). Der Gesetzgeber hat dann aus Gründen des Gesundheitsschutzes der Verbraucher per Rechtsverordnung genauere Regeln hinsichtlich einiger dieser Bedarfsgegenstände erlassen. Am 10. April 1992 wurde daher mit Hilfe der Bedarfsgegenständeverordnung geregelt, daß für "Ohrstecker oder gleichartige Erzeugnisse..., die dazu bestimmt sind, bis zur Epithelisierung des Wundkanals im menschlichen Körper zu verbleiben" kein Nickel verwendet werden darf (so der § 3 in Verbindung mit Anlage 1 der Verordnung).

Im Rahmen der Vereinheitlichung des Verbraucherschutzes ist dann auch die EU tätig geworden und hat am 30.6.1994 eine Richtlinie erlassen (94/27/EG; ABEG L 188/1), in der für Ohrstecker und vergleichbare Produkte eine Höchstmenge an Nickel festgelegt ist (ich hab die Richtlinie noch nicht rausgekramt und kenne daher die Höchstmenge nicht, hörte aber etwas von 0,05%... Angabe ohne Gewähr).

Aber warum darf nickelhaltiger Implantatstahl nun in Knochen u.ä. eingesetzt, aber nicht für ein Piercing verwendet werden? Für Implantatstoffe gibt es wiederum eine eigene Verordnung, die Vorrang vor den oben genannten Verordnungen und Gesezen hat. Die Voraussetzungen für die Implantatfähigkeit ("Biokompatibilität") von Stahl sind genau geregelt und laut der entscheidenden DIN-Norm 17443 darf der zu verwendende Stahl sogar einen gewissen Anteil an Nickel enthalten, da dieser nicht allergen wirke.

Leider ist diese Regelung nicht auf Piercingschmuck anwendbar, da die spezielle Implantatverordnung ihrem Wortlaut nach den Gegenstand "Schmuck" nicht regelt, und für Schmuck daher weiterhin die bereits genannte Verordnung entscheidend ist.

Die obigen Aussagen sind das Ergebnis einer Kombination von Auskünften der Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Hamburg (Fachabteilung Gesundheitlicher Verbraucherschutz), einem Piercingfachhandelsinfo von facit sowie eigenen Recherchen im juristischen Seminar. Für die Komplexität juristischer Zusammenhänge sowie die gelegentlich etwas umständlich anmutende juristische Fachsprache zeichne ich mich nicht verantwortlich. Beschwerden diesbezüglich bitte direkt an den Gesetzgeber ;-) Desweiteren uebernehme ich keinerlei Garantie für die inhaltliche Richtigkeit und bin für Korrekturen jederzeit dankbar.

[Lyssa <Lyssa@schlagwerk.org>]

Was ist "Chirurgenstahl"?

[Antwort des Tätowiermagazins auf eine Anfrage nach "Chirurgenstahl"]

Das Thema Material für den Ersteinsatz ist ein heikles Thema und wird auch heute noch (wie ich später ausfuehren werde) kontrovers diskutiert. Erst einmal ist die Materialbezeichnung "Chirurgenstahl" eine Fantasybezeichnung. Es gibt keine Material dieser Art, das mit der Bezeichnung "Chirurgenstahl" genormt wäre. Oftmals wird darunter "nicht-Implantatfähiger Edelstahl" verstanden, der übrigens immer Nickel enthält. Da in der Regel Piercingschmuck unter das Bedarfsgegenständegesetz (LMBG) fällt, und somit kein Nickel enthalten sein darf (oder in nur sehr, sehr geringen Mengen), eignen sich Materialien, die unter der Bezeichnung "Chirurgenstahl" laufen, nicht zum Ersteinsatz.

So und jetzt wird es etwas verwirrend: Zunächst wurde das LMBG für Deutschland festgelegt. Im Zuge der europäischen Hamonisierung wurde eine Richtlinie veröffentlicht, die für Ohrstecker und vergleichbare Produkte die Höchstmengen für Nickel festlegt. Für diese Richtlinie muß aber ausdrücklich erst ein Testverfahren festgelegt werden, das es bis jetzt [Anfang '99, die Red.] aber noch nicht gibt. Wird dieses Testverfahren bestimmt, dann ist eine Übergangszeit von 18 Monaten festgelgt, bis diese sinnvolle Höchstmengenbestimmung greift. Im Moment ist Verbraucherschutz für Nickelallergiker de facto noch nicht gegeben. Oder der verantwortungsvolle Piercer greift auf nickelfreie Materialien zurück, die gibt es ja im Moment auch zu einem akzeptablen Preis.

Um es noch etwas zu komplizieren!
Es gibt Meinungen, die sagen: "Normgerecht implantatfähige Edelstahle" sind zulässig, weil sie auf "Biokompatibilität" geprüft sind und diese Norm von ihrem Anspruch über den Anforderungen des LMBG liegen. Biokompatible Materialien werden nicht nur auf allergieauslösende Faktoren, sondern auch auf alle Formen der Wechselwirkung wie Aussschwemmung von Schwermetallen, elektrophysikalische Wechselwirkungen, pH-Wert und Oxidationsprozesse mit Auswirkung auf Blut und Gewebe u.a. berücksichtigt. Das heißt: Da die Biokompatibilität von Implantatstahl geprüft ist, kann dieses Material (trotz Nickelanteil, der aber nicht an das Gewebe abgegeben wird) verwendet werden. Das hier zugrundeliegende Prinzip ist: Für Piercingschmuck zulässiges Material nach LMBG muß nickelfrei sein, wenn es nicht einer höherwertigen Norm genügt.

In wie weit diese Darstellung des Sachverhalts nun letztendlich rechtssicher ist, wird irgendwann einmal in einem Rechstverfahren/ Normverfahren zu klären sein. Einer gewissen Logik entbehrt es jedoch nicht.

Von Material, das mit der Bezeichnung "Chirurgenstahl" angeboten wird, würde ich generell nicht für den Ersteinsatz empfehlen, geradezu abraten. Wenn ein Hersteller/Vertreiber mit solchen Fantasybegriffen operiert, dann lässt das höchstens Rückschlüsse über sein nicht vorhandenes Wissen bezüglich der Materialzusammensetzung zu, aber nicht auf die Unbedenklichkeit für Verbraucher.


Urheberrecht:

Mail an webmaster@datenschlag.org