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SM-Berichterstattung ohne Fettnäpfchen

Die Art der Berichterstattung zum Thema Sadomasochismus in den Medien ist für diejenigen, von denen da berichtet wird, oft ganz unerotisch schmerzhaft. Mit dieser Zusammenstellung häufig strapazierter Klischees und überholter Vorstellungen möchten wir Anregungen zu einer vorurteilsloseren Form der SM-Berichterstattung geben. Die einfachste Faustregel ist: Was Sie nicht über Schwule oder Lesben schreiben würden, sollten Sie auch nicht von Sadomasochisten behaupten. Wer sie beherzigt, kann den ganzen Rest einfach überspringen und wird diesen Text höchstens wegen der Adressen und Literaturhinweise am Ende brauchen.


 
Sadomasochisten sind krank.
Nur wenn sie sich eine Grippe einfangen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich Sadomasochisten von anderen Menschen außer in ihren sexuellen Vorlieben unterscheiden.
 
Sadomasochismus ist gleichbedeutend mit Gewalt und Missbrauch.
Lassen Sie sich nicht zu sehr vom äußerlichen Anschein in die Irre führen: Auch zwischen Kampfsport und Gewalt, Actionfilm und Schlägerei, Text und Blindtext gibt es technische Ähnlichkeiten, und doch haben sie nur wenig miteinander zu tun. Denn "SSC" ist nicht nur die Abkürzung für Bart Simpsons "Springfield Skateboard Club", sondern auch für den Grundsatz der SM-Subkultur "safe, sane and consensual", also "sicher, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich".
 
Sadomasochisten genießen Schmerzen.
SM-Praktiken können schmerzhaft sein, müssen es aber nicht. Viele Sadomasochisten können Schmerzen nichts abgewinnen. Ihre Spiele drehen sich um Macht, Unterwerfung und Demütigung. Außerdem funktioniert das alles natürlich nur in einem sexuellen Kontext und nicht etwa beim Zahnarzt.
 
Für Sadomasochismus interessieren sich ... Prozent der Bevölkerung.
Je nach Fragestellung, Art der Untersuchung und Auslegung der Begriffe äußern in Umfragen zwischen 1% und 96% der Befragten Interesse an sadomasochistischen Praktiken. So lange nicht einmal geklärt ist, wie hoch der Anteil der doch mittlerweile recht gut erforschten Homosexuellen an der Gesamtbevölkerung ist, darf man solchen Zahlen zumindest skeptisch gegenüberstehen.
Mehr dazu unter http://www.datenschlag.org/txt/statistik.html
 
Sadomasochismus kommt gehäuft bei unsicheren Persönlichkeiten / Menschen mit schwieriger Kindheit / Menschen mit Missbrauchserfahrungen / beruflich erfolgreichen Menschen vor.
Diese Theorien finden sich in der Literatur nicht selten, Belege dafür fehlen jedoch bisher. Über den Ursprung sadomasochistischer Interessen ist nicht gerade viel bekannt, und die Biographien von Sadomasochisten sind so unterschiedlich wie die anderer Menschen auch.
Mehr dazu unter http://www.datenschlag.org/txt/moser.html
 
Sadomasochismus wird von abgestumpften Leuten praktiziert, die alles andere schon ausprobiert haben.
Die meisten Sadomasochisten wissen sehr früh, häufig schon vor der Pubertät, ziemlich genau, was sie wollen. Der übersättigte alte Lustmolch, der mit SM-Praktiken seine Impotenz zu beheben versucht, kommt im richtigen Leben weit seltener vor als in der medizinischen und pornographischen Literatur.
Mehr dazu unter http://www.datenschlag.org/umfrage/dpb1_ergebnisse23.html
 
Sadomasochismus ist ein Modetrend der letzten Jahre.
Der eigentliche Modetrend ist es, diese Ansicht zu vertreten. Dass sadomasochistische Vorlieben kein Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind, ist gut dokumentiert - sadomasochistische Verhaltensweisen werden seit über 600 Jahren beschrieben. Sadomasochismus ist dank allgemeiner sexueller Liberalisierung und der Entstehung einer SM-Subkultur mittlerweile lediglich sehr viel sichtbarer geworden.
Mehr dazu unter http://www.datenschlag.org/dachs/
 
Wer sich gerne sexuell unterwirft, ist auch im täglichen Leben unselbständig. Wer im Schlafzimmer dominieren möchte, kommandiert auch beruflich seine Untergebenen herum.
Es gibt alle Kombinationen zwischen Alltagsverhalten und sexuellen Vorlieben. Die bevorzugte Rolle kann man niemandem an der Nase ansehen - und viele Sadomasochisten fühlen sich sowieso auf beiden Seiten wohl.
 
Sadomasochismus stellt einen Ausgleich zu den Anforderungen des Alltags dar: Erfolgreiche Managerinnen lassen sich nach Feierabend erniedrigen und frustrierte kleine Männer geben zu Hause vor der Ehefrau den großen Meister.
Nein, auch umgekehrt wird kein Lackstiefel draus. Sadomasochistische Praktiken können diese angenehme Funktion unter anderem haben, müssen es aber keineswegs.
 
Es gibt nur wenige Sadomasochistinnen. Frauen spielen meist nur wegen des Geldes oder dem Freund zuliebe mit.
Wer nur die einschlägigen Kontaktanzeigen studiert, kann leicht zu dieser Vermutung gelangen. Tatsächlich liegt der Frauenanteil in der nichtkommerziellen Subkultur aber in der Regel zwischen 30 und 50 Prozent. Umfragen ergeben ein ähnliches Bild. Und den beteiligten Frauen geht es, nicht weniger als den Männern auch, offensichtlich ums Vergnügen.
Mehr dazu unter http://www.datenschlag.org/umfrage/dpb1_ergebnisse02.html
 
Sexuell dominante Frauen sind Männerhasserinnen. Sexuell dominante Männer haben Angst vor selbstbewussten Frauen. Submissive Frauen sind Verräterinnen an der Frauenbewegung. Submissive Männer sind Weicheier.
Außerdem haben alle Schwulen Angst vor Frauen, Emanzen brauchen nur mal einen richtigen Kerl, und wer weiß, vielleicht ist die Erde ja am Ende doch eine Scheibe.
 
"Sadomasochismus", weiß SM-Experte Dr. Schnargenbroich, "ist ..."
Sadomasochismus ist - wie fast alle sexuellen Varianten mit Ausnahme der Homosexualität - ein Gebiet, auf dem bisher kaum ernsthafte Forschung stattgefunden hat. Bei den Fachleuten, die sich zu Wort melden, handelt es sich meist um Ärzte und Psychoanalytiker, die Sadomasochisten (wenn überhaupt) nur als Patienten zu sehen bekommen und deren Interpretationen mit den realen Lebensverhältnissen von Sadomasochisten nicht viel zu tun haben. Versuchen Sie, für Berichte über SM Fachleute zu finden, die Sadomasochisten nicht nur aus veralteter Fachliteratur, aus dem Fernsehen oder von der psychoanalytischen Couch kennen. Die unten aufgeführten Organisationen können Ihnen dabei weiterhelfen.
Mehr dazu unter http://www.datenschlag.org/txt/moser.html
 
"Das Geschäft boomt", so Profi-Domina Lady Monique ...
SM-Berichterstattung beschränkt sich leider meist auf Domina-Studios. Dabei gäbe es draußen in der freien Wildbahn noch so viel zu entdecken. Tierdokumentationen werden schließlich auch nicht in Zoohandlungen gedreht.
 
Die naturveranlagte Svenja lässt ihrem devoten, tabulosen Freund Rolf öfter mal eine bizarre Sadomaso-Behandlung zukommen ...
Besser wäre es, Ausdrücke aus SM-Kontaktanzeigen bei Berichten über SM weiträumig zu meiden. Berichterstattung über ganz normalen Sex kommt schließlich auch meist ohne "versaute Fickstuten" aus. Und den meisten Sadomasochisten erscheinen ihre Vorlieben kein bisschen bizarr. Wie überall gilt auch hier: Schauen Sie den Leuten aufs Maul, fragen Sie im Zweifelsfall nach, dann kann nicht viel schiefgehen.
 
Privat praktizierte das Mörderpärchen mit Vorliebe ausgefallene Sado-Maso-Rituale ...
Da Sadomasochismus in den Medien außerhalb der "Partnerschaft"-Rubriken leider überwiegend im Zusammenhang mit Verbrechen erwähnt wird, kann schon mal der Eindruck entstehen, SM-Praktiken seien grundsätzlich mit Mord und Totschlag verbunden. Da Sadomasochisten nun mal einen gewissen Anteil an der Bevölkerung stellen, sind folglich auch unter den Polizisten, Bäckern, Mördern, Klempnern, Christen, Journalisten und Telefonhörerreinigern entsprechend viele Sadomasochisten. Versuchen Sie, bei der Berichterstattung Zurückhaltung walten zu lassen, so gut es eben geht - behalten Sie im Blick, dass im Zweifelsfall ein nicht unerheblicher Teil Ihres Publikums die sexuelle Orientierung der Porträtierten teilt. Vom Kollegen am Nachbartisch ganz zu schweigen.
 
Aber meine Interviewpartner haben nun mal alle meine Vorurteile bestätigt: Sie waren übergewichtig, hässlich, schlecht gekleidet und haben dummes Zeug geredet.
Wie gesagt: Sadomasochisten gibt es in allen Bevölkerungsschichten, in allen Farben, Größen und Formen. Wenn Sie eine Reisereportage schreiben, machen Sie ja (hoffentlich) auch keine Aussagen über "den Kambodschaner", nachdem Sie mit zwei Kambodschanern gesprochen und den Rest der Zeit am Pool Ihrer Hotelanlage verbracht haben.
 
Im Laufe der Zeit werden die Praktiken immer extremer.
Während diese Vorstellung in der psychologischen Literatur recht verbreitet ist, hört man von Sadomasochisten praktisch nie von dieser Notwendigkeit zur immer weiteren Steigerung. Sadomasochistische Vorlieben entwickeln sich wie Bäume: Sie wachsen bis zu einer bestimmten, individuell unterschiedlichen Höhe, aber nicht weiter.
 
SM-Praktiken sind gefährlich.
Wenn man ein paar grundlegende Sicherheitsregeln beachtet, ist SM weniger gefährlich als die meisten Sportarten. Berichte über SM-bedingte Verletzungen sind in der medizinischen Literatur extrem selten.
 
Sadomasochisten tragen Lack, Leder und Latex und verbringen ihre Freizeit in SM-Clubs.
Nicht jeder Sadomasochist ist auch ein Fetischist. Viele interessieren sich gar nicht für Fetischkleidung, und auch in SM-Clubs findet sich nur ein Teil der sadomasochistischen Subkultur ein. SM lässt sich ebensogut in den eigenen vier Wänden und im Schlafanzug praktizieren.
 
Typisch deutsch: die Anhänger bizarrer Praktiken schließen sich in eingetragenen Vereinen zusammen.
Auch bei anderen Gruppen, die sich zur besseren Vertretung ihrer Interessen organisieren, sehen Reporter im allgemeinen keinen Anlass zum Hohn. Und den Kontrast zwischen ungewöhnlichen sexuellen Praktiken und gewöhnlicher Lebensführung zu betonen ist nicht viel origineller als die Feststellung, dass auch Ausländer je zwei Arme und Beine haben.
 
De Sade und Sacher-Masoch würden sich im Grab umdrehen angesichts dieser spießigen Eingemeindung und Verharmlosung der letzten Bastionen des Lasters.
Was de Sade und Sacher-Masoch dazu sagen würden, wissen wir nicht. Aber es gibt mit Sicherheit keinen automatischen Zusammenhang zwischen Interesse an SM-Praktiken und dem Wunsch, am Rande oder außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Sadomasochismus ist nun mal keine politische Überzeugung und keine Form der Gesellschaftskritik, sondern schlicht und einfach etwas, was manche Menschen gern im Bett (oder anderswo) tun.
 
SM ist inzwischen völlig normal. Man muss sich schon fast Sorgen machen, wenn man keine Handschellen unter dem Kopfkissen hat.
Der Eindruck kann nach übermäßigem Talkshowgenuss schon mal entstehen. Die Realität sieht für viele Sadomasochisten anders aus. Ängste, dass ein Outing berufliche Nachteile mit sich bringen könnte oder Freunde, Familie und Beziehungspartner danach auf Distanz gehen, sind weit verbreitet und leider nicht immer unberechtigt. Wenn Ihre Interviewpartner keine Nennung ihres richtigen Namens wünschen, respektieren Sie diesen Wunsch bitte.
 
Sadomasochisten lästern über "Vanillas" und "Stinos", über die "Stinknormalen", die bei ihrem verschwitzten Bettgeturne "Blümchensex" haben".
In der SM-Subkultur zeigt sich im allgemeinen eher, dass Sadomasochisten Nichtsadomasochisten ungefähr so betrachten wie Bergsteiger Nichtbergsteiger: Manche glauben zwar, dass den Nichtbergsteigern etwas entgeht, und neigen dazu, sie mit enthusiastischen Berichten vom Gipfelglück zu langweilen, aber von Verachtung kann deshalb noch lange nicht die Rede sein. Die meisten Sadomasochisten haben selbst zu lange darunter gelitten, dass eine bestimmte Form der Sexualität zur Norm erhoben wird, um auf andere wegen ihrer bevorzugten Praktiken herabzusehen.
 
Die sadomasochistische Subkultur ist ein konspirativer Haufen, der am liebsten unter sich bleibt.
Das stimmte noch vor wenigen Jahren sogar. Heute ist es zum Glück nicht mehr weiter schwierig, an vernünftige Informationen über Sadomasochisten heranzukommen. Unter den unten aufgeführten Internetadressen lassen sich Antworten auf die meisten Fragen finden, und auch die größeren SM-Organisationen geben gern Auskunft. Allerdings ist es ratsam, sich z.B. zur Berichterstattung über SM-Veranstaltungen rechtzeitig mit den Veranstaltern in Verbindung zu setzen und die Vorgehensweise zu klären. Wer unangemeldet mit Fotograf und Mikrofon an der Abendkasse auftaucht, geht meist unverrichteter Dinge nach Hause. Bei frühzeitiger Planung lässt sich aber meist ein Kompromiss zwischen dem Wunsch vieler Besucher, nicht um irgendeines Artikels willen vor Verwandten und Kollegen geoutet zu werden, und dem Wunsch des Reporters nach Fotos und Interviews finden.

Literatur:

Informationen im Internet:
http://dmoz.org/Adult/World/Deutsch/Gesellschaft/BDSM/: Gut gewartetes allgemeines Verzeichnis
www.datenschlag.org: Sachtexte, Informationen, "Papiertiger" Enzyklopädie, "DACHS" Chronik und "BISAM" Bibliothek des Sadomasochismus mit ausführlichem Literaturverzeichnis
www.lustschmerz.com: SM-Onlinemagazin
www.bdsm.at: Linkliste und Überblick über SM-Aktivitäten in Österreich
www.smjg.org: SM-Jugendgruppe

Literatur:
Matthias T.J. Grimme: "Das SM-Handbuch", Charon, Hamburg 2000
Kathrin Passig / Ira Strübel: "Die Wahl der Qual: Handbuch für Sadomasochisten und solche, die es werden wollen", Rowohlt, Reinbek 2000
Arne Hoffmann: "Lexikon des Sadomasochismus", Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001.

Anlaufstellen:

Im deutschsprachigen Raum gibt es derzeit etwa 100 regionale und überregionale SM-Organisationen. Die aktuellsten Zusammenstellungen finden sich im SM-Magazin "Schlagzeilen" oder im Internet unter http://dmoz.org/Adult/World/Deutsch/Gesellschaft/BDSM/Organisationen/. Einige der wichtigsten Adressen sind hier aufgeführt:

BDSM Berlin e.V.
Weserstr. 183
D-12045 Berlin
www.bdsm-berlin.de
info@bdsm-berlin.de
Tel.: +49 (179) 591 29 95 (Kathrin)
Schlagwerk Hamburg e.V.
Postfach 13 08 84
D-20108 Hamburg
www.schlagwerk.org
info@schlagwerk.org
Tel.: +49 (40) 454 046
SMart Rhein-Ruhr e.V.
Postfach 19 05 32
D-42705 Solingen
www.smart-rhein-ruhr.de
SMart@smart-rhein-ruhr.de
Tel.: +49 (201) 874 960
Fax: +49 (201) 874 962
Libertine Wien e.V.
Postfach 63
A-1011 Wien
www.libertine.at
contact@libertine.at
Tel.: +43 (664) 488 31 12
IG BDSM (Schweiz)
Postfach 3061
Postfach 3061
www.ig-bdsm.ch
info@ig-bdsm.ch
+41 79 738 01 40 oder +41 79 356 39 33
 

Quelle: www.datenschlag.org/txt/presse.html
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Version 1.3, Februar 2002


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